Im Oktober 1923 unterschreiben der Gastwirt Max Schulze und seine Frau Anna einen Mietvertrag für Räume im Haus Neckarstraße 2 in Berlin-Neukölln: zwölf Zimmer, zwei Kammern, zwei Küchen, ein Bad, „zum Betriebe einer Hotelwirtschaft". Es ist der schlechteste denkbare Monat der deutschen Geschichte, um ein Hotel zu eröffnen. Das Haus trägt denselben Namen an derselben Adresse bis heute.
1. Was Geld in diesem Herbst bedeutete
Um zu verstehen, was dieser Vertrag war, muss man wissen, was damals ein Brot kostete. Am 19. November 1923 zahlte man in Berlin für ein Kilogramm Roggenbrot 233 Milliarden Mark. Für ein Kilogramm Rindfleisch 4,8 Billionen. Das sind keine Rundungen und keine Legenden, das sind erhobene Berliner Marktpreise.
Wer in diesem Herbst eine Monatsmiete in Papiermark vereinbarte, hatte sie verhandelt, bevor die Tinte trocken war. Löhne wurden täglich ausgezahlt, manchmal zweimal täglich, und sofort ausgegeben, weil sie am Abend weniger wert waren als am Morgen. Ein Hotelier konnte den Zimmerpreis vom Vormittag nicht bis zum Abend halten.
Am 15. November 1923, wenige Wochen nach der Unterschrift in der Neckarstraße, wurde die Rentenmark eingeführt. Umtauschkurs: 1 Rentenmark für 1 Billion Papiermark. Ein Dollar kostete danach 4,20 Rentenmark - zuvor 4,2 Billionen Papiermark. Die Inflation endete innerhalb von Tagen.
2. Warum ausgerechnet „Thüringer Hof"?
Berlin war in den zwanziger Jahren eine Stadt der Ankommenden. Neukölln wuchs rasant, und ein großer Teil der Zugezogenen kam aus Mitteldeutschland - aus Thüringen und Sachsen. Ein Gasthaus, das „Thüringer Hof" hieß, versprach diesen Menschen etwas Schlichtes und Wirksames: Hier spricht jemand Ihre Sprache.
Der Hirsch, der heute im Logo und in den Zimmern auftaucht, ist der stille Teil desselben Grußes: ein Verweis auf den Thüringer Wald. Das Haus selbst gehörte dem Oberbaurat Fritz Pors.
3. Zwölf Zimmer, zwei Küchen, ein Bad
Die Zahlen aus dem Vertrag erzählen genauer als jede Beschreibung, was ein Hotel 1923 war. Zwölf Zimmer und zwei Kammern - und ein Bad für das ganze Haus. Eigene Bäder in jedem Zimmer waren in dieser Preisklasse noch jahrzehntelang undenkbar. Zwei Küchen für den Wirtschaftsbetrieb, nicht für die Gäste.
Hundert Jahre später hat sich fast alles davon gedreht. Was gleich geblieben ist, lässt sich in zwei Zeilen zusammenfassen:
| 1923 | Heute | |
|---|---|---|
| Zimmer | 12 Zimmer, 2 Kammern | Apartments in mehreren Kategorien |
| Bad | ein Bad für das ganze Haus | eigenes Bad in jedem Apartment |
| Küche | zwei Wirtschaftsküchen | eigene Küche in jedem Apartment |
| 1 kg Roggenbrot | 233 Milliarden Mark (Berlin, 19.11.1923) | wenige Euro |
| Name | Thüringer Hof | Thüringer Hof |
| Adresse | Neckarstraße 2 | Neckarstraße 2 |
4. Was der Krieg mitnahm
Die Lücke in unserer Hausgeschichte hat ein Datum, das wir nicht kennen. Irgendwann in den vierziger Jahren traf eine Bombe das Neuköllner Bauamt. Die Archive verbrannten, und mit ihnen die Bauakten, Umbaugenehmigungen und Eigentümerwechsel von Jahrzehnten. Wer heute recherchiert, stößt für die Neckarstraße 2 auf dieselbe Leerstelle wie für hunderte andere Neuköllner Adressen.
Geblieben sind Fragmente, und sie liegen bei uns im Haus: der Mietvertrag von 1923, das Hotelverzeichnis im Berliner Adressbuch, ein Eintrag im Fernsprechbuch - „Thüringer Hof … Neckarstr. 2". Es ist wenig. Es ist aber genau das, was nicht aus dem Internet kommt.
5. Hundert Jahre, eine Adresse
2023 war das Haus hundert Jahre alt. Wir behaupten nicht, das älteste Hotel Berlins zu sein - diesen Titel reklamieren andere, und die Quellenlage für solche Rekorde ist nach dem Krieg ohnehin dünn. Der Satz, der sich belegen lässt, ist ein anderer und uns genug:
Seit Oktober 1923 nimmt dieses Haus unter demselben Namen an derselben Adresse Gäste auf. In einer Stadt, die in diesem Jahrhundert zweimal ihre Mitte verloren hat, zweimal geteilt und wieder zusammengesetzt wurde, ist das keine Selbstverständlichkeit. Es ist der eigentliche Grund, warum sich dieser Artikel zu schreiben lohnte.
Häufige Fragen
Seit wann gibt es den Thüringer Hof in Berlin-Neukölln?
Seit Oktober 1923. Damals unterschrieben der Gastwirt Max Schulze und seine Frau Anna einen Mietvertrag für Räume in der Neckarstraße 2 „zum Betriebe einer Hotelwirtschaft". Das Haus beherbergt seitdem ohne Namenswechsel Gäste an derselben Adresse.
Was kostete 1923 in Berlin ein Brot?
Am 19. November 1923, auf dem Höhepunkt der Hyperinflation, kostete ein Kilogramm Roggenbrot in Berlin 233 Milliarden Mark. Ein Kilogramm Rindfleisch kostete 4,8 Billionen Mark.
Wann endete die Hyperinflation von 1923?
Mit der Einführung der Rentenmark am 15. November 1923. Umgetauscht wurde im Verhältnis 1 Rentenmark für 1 Billion Papiermark. Ein US-Dollar entsprach danach 4,20 Rentenmark.
Woher kommt der Name Thüringer Hof?
Er grüßt die Herkunft vieler Berliner Zugezogener der zwanziger Jahre. Ein großer Teil der neuen Neuköllner kam aus Thüringen und Sachsen. Der Hirsch im Logo verweist auf den Thüringer Wald.
Gibt es noch Unterlagen aus der Gründungszeit?
Nur Fragmente. Eine Bombe traf in den vierziger Jahren das Neuköllner Bauamt und zerstörte die Archive. Erhalten sind der Mietvertrag von 1923, der Eintrag im Hotelverzeichnis des Berliner Adressbuchs und ein Eintrag im Fernsprechbuch. Diese Stücke zeigen wir im Haus.
Die Originaldokumente hängen bei uns im Haus. Den Rest der Geschichte erzählen wir auf der Zeitleiste - oder am Empfang, wenn Sie danach fragen.
Verfügbarkeit anfragen →Hausgeschichte nach den Originalunterlagen im Thüringer Hof. Berliner Lebensmittelpreise vom 19.11.1923 nach Statista; Einführung und Umtauschkurs der Rentenmark nach Landwirtschaftlicher Rentenbank.



